Risikobewertung

Verstehen, einschätzen, dokumentieren und Maßnahmen ableiten
Risikobewertung bedeutet: strukturiert zu überlegen, was künftig schiefgehen kann, wie wahrscheinlich das ist, welche Folgen daraus entstehen könnten und was getan werden kann, um das Risiko angemessen zu beherrschen. Eine gute Risikobewertung soll Entscheidungen erleichtern – nicht Risiken „wegdiskutieren“ oder künstlich dramatisieren.

1. Was ist ein Risiko?

Ein Risiko ist ein zukünftiges, unsicheres Ereignis oder eine Entwicklung, die sich negativ auf Ziele, Prozesse, Vermögenswerte, Menschen, Compliance, Reputation oder die Geschäftstätigkeit auswirken kann.

Ein Risiko besteht deshalb immer aus zwei Grundfragen:
  1. Wie wahrscheinlich ist es, dass etwas eintritt?
  2. Wie groß wären die Auswirkungen, wenn es eintritt?

Beispiele sind der Ausfall eines IT-Systems, der Verlust eines wichtigen Lieferanten, eine regulatorische Beanstandung, ein Datenschutzvorfall, ein Unfall, ein Projektverzug oder der Ausfall einer Schlüsselperson.

Wichtig ist die Abgrenzung: Ein bereits eingetretener Schaden ist kein Risiko mehr, sondern ein Ereignis oder Problem. Das daraus entstehende zukünftige Folgerisiko kann jedoch wiederum bewertet werden.

2. Warum werden Risiken bewertet?

Unternehmen können nicht jedes denkbare Risiko vollständig vermeiden. Risikobewertungen helfen, begrenzte Aufmerksamkeit, Zeit und Ressourcen dort einzusetzen, wo sie am meisten benötigt werden.

Eine Risikobewertung soll insbesondere helfen:

Ziel ist nicht: eine scheinbar mathematisch perfekte Zukunftsprognose. Risikobewertungen arbeiten immer mit Unsicherheit. Entscheidend ist eine nachvollziehbare und konsistente Einschätzung auf Basis der verfügbaren Informationen.

3. Grundprinzipien einer guten Risikobewertung

3.1 Vorausschauend bewerten

Risiken werden ex ante bewertet – also aus Sicht des Bewertungszeitpunkts. Maßgeblich ist, was heute bekannt ist und welche Entwicklungen für die Zukunft plausibel sind.

Beispiel: Ein Ereignis wird mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 20 % bewertet. Tritt es später tatsächlich ein, war die frühere Bewertung deshalb nicht automatisch falsch. Auch ein Ereignis mit 20 % Wahrscheinlichkeit kann eintreten.

3.2 Historie nutzen, aber nicht mit Zukunft verwechseln

Vergangene Erfahrungen sind wichtig, weil sie Daten und Hinweise liefern. Sie sind aber nicht automatisch ein Beweis dafür, dass die Zukunft genauso verlaufen wird.

Der Satz „Bisher ist nichts passiert, also ist das Risiko gering“ greift deshalb zu kurz. Entscheidend ist, ob die historischen Bedingungen mit der heutigen Situation vergleichbar sind und welche aktuellen Risikotreiber bestehen.

3.3 Wahrscheinlichkeit und Auswirkung getrennt betrachten

Ein seltenes Ereignis kann wegen sehr hoher Auswirkungen trotzdem ein relevantes Risiko sein. Umgekehrt kann ein häufiges Ereignis mit geringen Auswirkungen weniger kritisch sein.

3.4 Maßnahmen nur berücksichtigen, wenn sie tatsächlich wirken

Eine Richtlinie, Kontrolle oder Notfallmaßnahme darf nur risikomindernd angesetzt werden, wenn sie vorhanden, umgesetzt und plausibel wirksam ist.

3.5 Unsicherheit offen dokumentieren

Fehlende Informationen sollten nicht durch Scheingenauigkeit ersetzt werden. Wenn Daten fehlen oder Annahmen unsicher sind, gehört auch das in die Bewertung.

4. Risikobewertung Schritt für Schritt

Zehn Schritte einer Risikobewertung
1 Risiko beschreiben
Was kann künftig konkret passieren? Eine gute Risikobeschreibung benennt Ursache, Ereignis und mögliche Folge.
2 Bewertungszeitpunkt und Zeitraum festlegen
Wann wird bewertet und für welchen Zukunftszeitraum? Zum Beispiel die nächsten 12 Monate oder die Dauer eines Projekts.
3 Risikotreiber ermitteln
Welche Faktoren erhöhen oder senken das Risiko? Zum Beispiel Abhängigkeiten, Komplexität, Marktbedingungen, technische Schwachstellen oder regulatorische Entwicklungen.
4 Eintrittswahrscheinlichkeit einschätzen
Wie wahrscheinlich ist der Eintritt aus heutiger Sicht? Historische Daten, Expertenwissen und aktuelle Entwicklungen können einfließen.
5 Schadensausmaß einschätzen
Welche Auswirkungen wären realistisch? Finanzielle, operative, rechtliche, regulatorische, personelle und reputative Folgen berücksichtigen.
6 Bruttorisiko bestimmen
Wie hoch ist das Risiko, wenn vorhandene Schutzmaßnahmen zunächst nicht berücksichtigt werden?
7 Bestehende Maßnahmen bewerten
Welche Kontrollen verhindern den Eintritt oder reduzieren den Schaden? Wie wird ihre Wirksamkeit nachgewiesen?
8 Nettorisiko bestimmen
Welches Risiko bleibt nach Berücksichtigung wirksamer Maßnahmen bestehen?
9 Weitere Maßnahmen ableiten
Muss das Risiko reduziert, übertragen, vermieden oder bewusst akzeptiert werden?
10 Dokumentieren und später aktualisieren
Annahmen, Daten, Bewertung und Maßnahmen festhalten. Bei wesentlichen Veränderungen wird neu bewertet.
Hilfreiche Formulierung für Risiken:
„Aufgrund von [Ursache / Risikotreiber] besteht das Risiko, dass [Ereignis] eintritt und dadurch [Auswirkung] entsteht.“

5. Einfache 5×5-Risikobewertung

Ein weit verbreitetes Modell kombiniert Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß. Beide Werte werden beispielsweise auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet.

Risikowert = Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadensausmaß

Eintrittswahrscheinlichkeit

WertEinordnung
1Sehr gering
2Gering
3Mittel
4Hoch
5Sehr hoch

Schadensausmaß

WertEinordnung
1Unwesentlich
2Gering
3Erheblich
4Schwerwiegend
5Kritisch

Beispielhafte Risikomatrix

5 mal 5 Risikomatrix aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß
Wahrscheinlichkeit ↓ / Auswirkung → 12345
5510152025
448121620
33691215
2246810
112345

Beispielhafte Einordnung dieser Seite: 1–4 niedrig, 5–10 mittel, 11–16 hoch, 17–25 kritisch. Unternehmen können andere Schwellenwerte oder Bewertungsmethoden verwenden.

6. Typische Fehler bei Risikobewertungen

Typischer FehlerWarum problematisch?Besser
„Bisher ist nichts passiert.“ Vergangenheit wird automatisch auf die Zukunft übertragen. Historie als einen Datenpunkt nutzen und aktuelle Risikotreiber separat bewerten.
Nur auf die Eintrittswahrscheinlichkeit schauen. Seltene, aber sehr schwere Ereignisse werden unterschätzt. Wahrscheinlichkeit und Auswirkung getrennt bewerten.
Maßnahmen pauschal als wirksam annehmen. Das Nettorisiko wird künstlich zu niedrig dargestellt. Wirksamkeit und tatsächliche Umsetzung prüfen.
Nach Eintritt sagen: „Es war offensichtlich.“ Späteres Wissen wird rückwirkend in die frühere Situation hineingelesen. Frühere Bewertung anhand des damaligen Informationsstands beurteilen.
Risiken zu allgemein formulieren. Wahrscheinlichkeit, Auswirkung und Maßnahmen lassen sich kaum sinnvoll bewerten. Konkrete Ursache, konkretes Ereignis und konkrete Folge benennen.
Scheingenauigkeit. Unsichere Annahmen werden als exakte Tatsachen dargestellt. Unsicherheiten transparent dokumentieren.

7. Beispiele

Beispiel A: Kritischer IT-Dienstleister

Risiko: Aufgrund einer hohen technischen Abhängigkeit besteht das Risiko, dass der Ausfall eines externen IT-Dienstleisters zu einer wesentlichen Betriebsunterbrechung führt.

Eintrittswahrscheinlichkeit: 3 – mittel
Schadensausmaß: 5 – kritisch
Bruttorisiko: 15 – hoch
Maßnahmen: Notfallplan, Backups, alternative Betriebswege, vertragliche Eskalationsmechanismen.
Nettorisiko: Nach nachgewiesen wirksamen Maßnahmen beispielsweise 10 – mittel.

Beispiel B: Projektverzug

Risiko: Aufgrund knapper personeller Ressourcen und externer Abhängigkeiten besteht das Risiko, dass ein Projekt nicht zum geplanten Termin abgeschlossen wird und dadurch zusätzliche Kosten sowie Verzögerungen bei Folgeprojekten entstehen.

Hier kann die historische Termintreue ähnlicher Projekte hilfreich sein. Sie ersetzt aber nicht die Bewertung der aktuellen Ressourcenlage, Abhängigkeiten und Projektkomplexität.

8. Eigene Risikobewertung durchführen

Der folgende Bewertungsbogen führt Schritt für Schritt durch die wichtigsten Punkte. Die Angaben bleiben lokal im Browser und werden nicht an einen Server übertragen. Die ausgefüllte Bewertung kann anschließend separat gedruckt oder über die Druckfunktion des Browsers als PDF gespeichert werden.

A. Risiko und Kontext

Der Zeitraum ist wichtig, weil Wahrscheinlichkeiten immer einen Zeithorizont benötigen.
Historische Daten unterstützen die Einschätzung, ersetzen aber nicht die Zukunftsbetrachtung.

B. Bruttorisiko bewerten

Bruttorisiko
Bitte Wahrscheinlichkeit und Schadensausmaß auswählen.

C. Bestehende Maßnahmen bewerten

D. Nettorisiko bewerten

Nettorisiko / Residualrisiko
Bitte Werte nach Berücksichtigung der Maßnahmen auswählen.

E. Entscheidung und weitere Maßnahmen

F. Qualitätscheck vor Abschluss

Qualitätscheck vor Abschluss
Qualitätscheck
0 / 9
Bitte die Checkliste vor Abschluss prüfen.
Merksatz: Eine gute Risikobewertung ist nicht diejenige, die später zufällig „recht hatte“. Sie ist diejenige, die auf Basis des damaligen Informationsstands nachvollziehbar, konsistent und methodisch sauber durchgeführt wurde.

Diese Seite ist eine allgemeine methodische Arbeitshilfe. Interne Vorgaben, regulatorische Anforderungen oder spezielle Risikomodelle können zusätzliche Kriterien vorsehen.